11Sep
2016
0

Der Tag des Umzugs – Teil 1

Der nächste Morgen begann für Alyssa und Anabel schon recht früh. Torsten, der noch zwei Tage nach Dielingen-Stemwede (dort sitzt sein neuer Arbeitgeber) musste, nahm die zwei mit in den Kindergarten. Ich spülte noch die restlichen Frühstückssachen weg, sortiere noch das ein oder andere nach und wartete voller freudiger Erwartung auf das Umzugsunternehmen, das um 8:00 Uhr kommen sollte. Da der Umzug über Torstens Firma organisiert wurde, wussten wir nur, dass ein namhaftes Speditionsunternehmen den Auftrag bekommen hatte.

Es wurde 8:10, 8:25, 8:40 Uhr. Kein Umzugsunternehmen in Sicht. Dann klingelte Torsten durch. Das Umzugsunternehmen hätte im Stau gestanden und käme gegen 9:00 Uhr.

Als sie endlich ankamen, hatten sie die falsche Anfahrtsadresse. Sie standen in der Straße „Auf der Heide“. Dies ist zwar unsere postalische/offizielle Straße – wer aber schon mal bei uns war weiß, dass man dann 81 Treppenstufen laufen muss, um überhaupt zu unserer Klingel zu gelangen. Aus diesem Grund lassen wir alle Menschen zu unserem „Hintereingang“ kommen. Der ist ebenerdig über „Weg zum Poethen“ zu erreichen und wurde dem Umzugsunternehmen auch im Vorfeld mitgeteilt. Schließlich war ja auch jemand zur Besichtigung von denen vor einigen Wochen hier gewesen. Da ich genau auf dieser Seite wartete, hatte ich das erste Klingeln zwar vernommen, konnte aber nicht so schnell zurücklaufen, um die Türe auf der anderen Hausseite zu öffnen. Ich hörte nur, dass nun Sturm geklingelt wurde. Ich öffnete die Tür und auf ein freundliches „Guten Morgen“ meinerseits, kam ein sehr ruppiges „Morgen“ eines älteren Herren zurück. Die zwei Mitarbeiter, die vor der Tür standen, sahen nicht nach dem namhaften Umzugsunternehmen aus, waren bei uns aber scheinbar doch richtig. Das namhafte Umzugsunternehmen hatte den Auftrag an ein Subunternehmen vergeben. Was das für uns bedeutete, erfahrt ihr gleich. Es soll hier nur kurz erwähnt werden, dass Torsten und ich durchaus umzugserfahren sind. Ich bin sieben Mal umgezogen, Torsten fünf Mal. Davon war nur der letzte Umzug – der nach Herdecke – von einem Unternehmen durchgeführt worden. Alles andere wurde von uns selbst durchgeführt, zusammen mit vielen Menschen, die uns im Laufe der Jahre dabei geholfen hatten. Wir wissen also, wie Schränke auf- und abgebaut und Dinge verpackt werden. Und auch, wie lange bestimmte Sachen tatsächlich dauern.

Nachdem ich erklärte, dass sie in der falschen Straße stehen würden und man auf der anderen Seite ebenerdig rein käme, schickte der Teamleiter seinen Mitarbeiter in einem sehr unfreundlichen Tonfall die Treppe wieder hinunter, er solle den LKW einmal drehen und die andere Straße nehmen. Daraufhin stürmte er die elf Treppenstufen zu unserer Wohnung hinauf, lief direkt in das erste Zimmer hinein und fragte: „Was muss denn hier mit?“ Kein ordentliches Vorgespräch. Nichts. Nicht mal seinen Namen hat er preisgegeben. Ich wurde damit total überfahren. Völlig perplex erklärte ich ihm, dass alles mitkäme, außer den Sachen, die mit einem roten oder blauen Punkt gekennzeichnet waren. Rot sollte stehen bleiben, blau aufs Lager gehen. Die Inhalte der Schränke sollten jedoch mitgenommen werden. Danach drehte er sich um und lief ins nächste Zimmer. Dort die gleiche Prozedur. Notizen machte er sich keine.

Als seine Mitarbeiter mit dem LKW kamen, rannte er raus. Drei Männer stiegen aus und der Teamleiter rief. „Los! raus! Material mitnehmen!“ Nachdem dann alle in der Wohnung waren, scheuchte er sie direkt in ein Zimmer und redete in gebrochenem Deutsch: „alles rote Punkt hierbleiben. Inhalt mitkommen. Sea. Einpacken. Los.“ Im nächsten Zimmer das Gleiche.

Er selbst ging ins Wohnzimmer und legte dort in einem irren Tempo sofort los. Innerhalb kürzester Zeit hatte mein Rechner im Arbeitszimmer kein Internetzugang mehr, da das Kabel im Wohnzimmer bereits als erstes getrennt worden war. Eines muss man ihm lassen, einpacken konnte er. Innerhalb von 30 Minuten war unsere gesamte Couch in Luftpolsterfolie verpackt. Der Inhalt des Wohnzimmerschrankes folgte gleich darauf.

verpacktes Wohnzimmer

Leider war dann der Unitymediareceiver, der einen dicken roten Punkt hatte, irgendwann auch verschwunden (Der muss noch zu Unitymedia zurückgeschickt werden). Ich bemerkte es glücklicherweise noch und wies ihn darauf hin. Zum Glück wusste er noch in welchen Karton er sie gepackt hatte. Auf meine Frage, ob denn auch die Listen richtig geführt werden würden, kam ein „selbstverständlich“. Seltsam nur, dass ich nirgends eine Liste sehen konnte…

Was es mit diesen besagten Listen auf sich hat:

Wir sind vor dem Umzug mehrfach von mehreren Stellen darauf hingewiesen worden, dass bei Einreise in Malaysia dem Zoll Listen vorliegen müssen, welche elektronischen Geräte man einführt, welche Seriennummer diese haben, wann das Kaufdatum war und vieles mehr. Auf unsere Rückfrage bei dem namhaften Umzugsunternehmen vor einer Woche, hieß es, wir bräuchten uns darum nicht zu kümmern, dafür wären sie zuständig. Auch dazu nachher mehr. Außerdem muss eine Liste geführt werden, was in welcher Kiste ist.

Währenddessen bauten die restlichen drei Mitarbeiter im Schlafzimmer schon mal das Bett ab (bevor die Schränke geräumt waren). Als ich das sah, fragte ich mich nur noch: „Und wo sollen wir heute Nacht schlafen?“ Aber das mit dem Schlafen wurde ja auch nirgends angesprochen, denn ein Vorgespräch gab es ja an dem Tag nicht. Leider konnte ich mir aber in dem Moment keine Gedanken dazu machen, denn schon wanderte das nächste Teil mit einem roten Punkt in eine Kiste. Ich lief also noch schnell ins Bad, um die Kosmetikartikel auszusortieren und einiges nicht mehr Benötigtes noch zu entsorgen, bevor alles noch mit genommen werden würde.

Im Vorfeld hatten wir mehrere Schreiben erhalten, in denen steht, was nach Malaysia eingeführt werden darf und was nicht. Dazu gehört neben Drogen unter anderem auch jedwede tierische Produkte, wie bspw. Milch. (Das Schreiben liegt auf meinem Rechner, der sich in der Luftfracht befindet.)

Bei der anfänglichen Kurzbegehung des Abstellraums, stellte der Teamleiter fest, dass da ja noch Lebensmittel stehen. Er sagte zu mir: „Die dürfen nicht mit.“ Da wir das bereits schon wussten, war meine Antwort: „Das wissen wir. Einfach stehen lassen, wir kümmern uns morgen darum.“

Irgendwann kam der Teamleiter wieder im Schlafzimmer vorbei und brüllte seine Mitarbeiter an, sie sollen nicht gemeinsam in einem Zimmer arbeiten, sondern jeder in einem. Dann verschwand er wieder im Wohnzimmer.

Nun packte einer seiner Mitarbeiter im Schlafzimmer Kleidung aus dem Kleiderschrank in Kleiderboxen, während der zweite im Kinderzimmer sich als erstes den Kleiderschrank vornahm. Das Problem dabei: wir brauchten noch Kleidung aus den Schränken für min. 1 Woche, die wir noch in Deutschland waren. Auf meine Bitte, sich doch erst mit den Spielzeugschränken zu beschäftigen, kam nur ein Achselzucken. Also packte ich nur noch das, was ich in die Hände bekam. In der Zwischenzeit rief ich noch Laila, eine Freundin mit der ich zum Frühstücken verabredet war, an: „Ich kann hier nicht weg. Das hier ist das reinste Chaos.“ Und etwas verzweifelter: „Kannst du bitte bei mir vorbeikommen?! Ich schaffe das hier alleine nicht!“ Keine 10 Minuten später war Laila da und durfte das Chaos selbst miterleben.

Als Laila kurze Zeit später in den Abstellraum blickte, traute sie ihren Augen nicht. „Du Kerstin, du musst hier mal gucken kommen, der packt hier offene Cornflakespackungen ein.“ Ich rannte in den Abstellraum, versuchte dem Mitarbeiter zu verstehen geben, dass das nicht eingepackt werden darf, nahm es raus und vernichtete den Inhalt. Leider musste der Rest der Kleidung für den Koffer noch fertig gepackt werden. Also wieder zurück ins Schlafzimmer. Mist, sämtliche Kleidung war schon eingepackt. Im Kinderzimmer konnte ich noch vier kurze Hosen für Anabel und drei T-Shirts für Alyssa retten.

Als Laila und ich kurze Zeit später erneut in den Abstellraum blickten, waren sämtliche Lebensmittel … weg. Verpackt in irgendwelchen Umzugskisten. Später stellte sich heraus, dass auch mindestens zwei Tetrapack Milch!!!, Apfelsaft und eine Sauce Hollandaise!, sowie diverse Konserven mit Kokosmilch etc. den Weg in irgendeine Kiste geschafft haben müssen. Denn diese waren nirgendwo mehr auffindbar. Hinzu kommt, dass das Regalsystem nicht einfach in einem Zug komplett leer gemacht und in Kisten verpackt wurde, sondern nach und nach abgebaut wurde. Das heißt, sobald ein Regal leer war, wurde es abgebaut. Da man dazu aber auch Werkzeug benötigte und man nur EINE unordentliche Werkzeugkiste hatte, musste man nach jedem Abbau das Werkzeug an jemand anderen abgeben, da dieser es dann benötigte. Insg. gab es auch nur einen einzigen Akkuschrauber.

Der Teamleiter schaute ab und an bei seinen Mitarbeitern vorbei und schnautze diese ständig an. Vieles in unserem Abstellraum war bereits vorher (zum Glück!) von uns in Platikkisten verpackt worden und hätten „nur noch“ in eine Umzugskiste umverpackt werden müssen. Stattdessen stapelte der Mitarbeiter diese einfach nur und wollte sie so in den Container bringen. Also meckerte der Teamleiter: „Einpacken, Mann! Einpacken!. Diese hier einpacken.“ Nunja, genau genommen waren sie ja „eingepackt“. Die Verwunderung des Mitarbeiters konnte ich deshalb gut verstehen. Mittlerweile hatte ich dann auch rausgefunden, dass ich es mit vier Bulgaren – von denen nur einer ein wenig Deutsch und Englisch verstand und sprechen konnte – und einem Franken (der Teamleiter) zu tun hatte. Das erklärte dann auch die Verständnisprobleme.

Sämtliche Elektrogeräte aus Abstellraum und Küche wanderten übrigens ohne gelistet zu werden in irgendwelche Kisten. (Die aus den anderen Zimmern übrigens auch!) Dazu gehören: Toaster, Wasserkocher, Mikrowelle, Kaffeemaschine, Mixer, Mini-Friteuse (die wir vergessen hatten zu entsorgen), Trocknungsautomat, Akkuschrauber, Kinderkeyboard, Internetradio, Fernseher, Hifi-Anlage, DVD-Player und vieles mehr.

Ich war mit den Nerven fast am Ende.

Irgendwann war das meiste verpackt und ich holte unsere Kinder mit viel Entsetzen und Wut im Bauch um 16:00 Uhr vom Kindergarten ab. Leider waren die Herren (obwohl sie bis 16:00 Uhr arbeiten sollten), scheinbar noch nicht fertig. Denn um 18:20 Uhr waren sie immer noch dran. Die Kinder langweilten sich schon seit Stunden und beschmissen sich mit dicken Steinen und wurden kurzerhand von mir zum Abendessen bei unseren Nachbarn Jochen und Sabine abgegeben. Danke nochmal für die tolle Betreuung während der letzten zwei Tage! Ohne euch wäre ich wahrscheinlich irgendwann nur noch schreiend davon gelaufen.

Irgendwann kam dann der Anruf des Franken, in dem er mich in einem sehr ruppigen Ton fragte, wo ich denn abgeblieben sei. Wo war ich nur…. tja, ich stand in unserer Wohnung im Schlafzimmer. Leider war sonst kein Mitarbeiter mehr hier zu finden. Er sagte, sie wären jetzt fertig und kämen morgen um 8:00 Uhr wieder.

Fazit des Tages: der eine Mann im Schlafzimmer benötigte für das Verpacken der Kleidung aus einem Schiebetürenschrank (Dauer, wenn wir das machen inkl. Kisten aufbauen: 30 Min. max.), sowie das Auseinandernehmen unseres Bettes (ca. 15 Min. max! da es nur gesteckt ist) plus das Auseinandernehmen des Schiebetürenschrankes (das muss man zu zweit machen, ist aber mit vernünftigem Werkzeug auch in ca. 30 Min. als Laie erledigt) plus dem Einpacken der Teile in Luftpolsterfolie sage und schreibe sieben Stunden!

Zum Vergleich: eine Woche zuvor wurde unser Eckkleiderschrank mit Spiegeltüren plus Beistellschrank, Kommode und Schuhschrank verkauft. Es kamen drei Männer vorbei, die mit allem ausgestattet waren: Schraubendreher, Akkuschrauber und allem, was man sonst noch braucht, um Schränke abzubauen. Dauer der ganzen Aktion, inkl. Verladen auf dem LKW mit dem sie kamen: sage und schreibe 20 Min.!!!

Doch zurück zum eigentlichen Umzug.

Der Teamleiter schaffte in der gleichen Zeit das gesamte Wohn- und Esszimmer mit extrem viel Glas und Porzellan. Der Mitarbeiter im Kinderzimmer benötigte dafür auch ca. sieben Stunden. Also für das Verpacken des Inhalts von Kleiderschrank, Kommode, 2 Schubladenschränken und einem Schrank mit Legokisten. Die Möbel sollten ja – bis auf Alyssas selbstgebautet Piratenbett – da bleiben.

Ich rückte die Kisten im Abstellraum ein wenig zur Seite und griff mir im Kühlschrank das Schweinemett, dass Torsten morgens noch gekauft hatte und einige Brötchen und ging ebenfalls zu den Nachbarn. Mein Magen war mittlerweile auf den Füßen angekommen, so leer war er, denn seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr gegessen. Auch schmerzten mir meine Füße heftig, so viele Kilometer wie heute war ich schon lange nicht mehr gelaufen.

Ich nahm die Kinder anschließend mit in die Wohnung und überlegte mir, wo man denn da jetzt schlafen könnte.

Da wir unsere Matratze nicht drei Jahre einlagern wollten und diese in zwei Tagen auf den Sperrmüll sollte, stand sie glücklicherweise noch in der Wohnung. Die legten sich wir uns einfach auf den Boden. Außerdem wusste ich noch, in welcher Luftfrachtkiste die Kissen und Bettdecken waren, öffnete diese und nahm sie heraus. Geschlafen wurde also auf der Matratze.

Campen zwischen Umzugsgut

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Irgendetwas stimmte hier nicht, irgendetwas ließ mir keine Ruhe. Ich ging ins Kinderzimmer und siehe da, ich hatte richtig „geträumt“. Die Babybettmatratze war tatsächlich in Luftpolsterfolie verpackt worden!!! Das Babybett hatte allerdings einen dicken roten Punkt. Es sollte hier bleiben, da es bereits verkauft war. Das hatte ich den Mitarbeitern am Tag auch noch zwei Mal gesagt. Aber verstanden hat mich offensichtlich niemand. Also packte ich mitten in der Nacht die Matratze aus und legte sie wieder ins Kinderbett.

Fortsetzung folgt…

No Comments

Reply

Zur Werkzeugleiste springen