20Feb
2017
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Die zahnlose Oma

Vor ca. 2 Stunden war es soweit, Alyssas erster Wackelzahn ist raus. Während sie stolz wie Oskar ihre Zahnlücke begutachtete und wie ein Honigkuchenpferd grinste, kam bei mir Wehmut auf. Unsere Tochter ist schon so groß. Wo ist bloß die Zeit geblieben?

Etwas über sechs Jahre ist es her, als ich sie, nachdem sie neuen Monate in mir heranwuchs, endlich im Arm halten durfte. Ich durfte ihrem Glucksen lauschen, ihre ersten Zähne mit vielen schlaflosen Nächten begleiten; ich war dabei, als sie an ihrem ersten Geburtstag bei Oma Ulrike in der Küche ihre ersten Schritte machte. Im Laufe der Jahre verarztete ich mehrere kleinere und größere Wehwehchen mit Pflaster, Heilecreme, Streicheln, Kuscheln und Küssen. Ich war stolz, als sie das erste Mal „Mama“ sagte, bekam einen Riesenschreck, als sie auf Rhodos ohne Schwimmflügel in den Pool marschierte und unterging. Ihr Kommentar damals, als ich sie rausfischte war: Mama, das war cool! Da hatten sich dann 1,5 Jahre Babyschwimmen inkl. Tauchen doch ausbezahlt. Ich begleitete sie an ihrem ersten Kindergartentag in Deutschland und auch das erste Mal Radfahren ohne Stützräder durfte ich miterleben. Ich ermutigte sie, immer wieder aufzustehen, wenn sie beim Inlinerfahren fiel. Ich tröstete sie, wenn sie Alpträume hatte, machte Quatsch mit ihr, damit sie wieder lachte. Und ich bin mächtig stolz auf sie, dass sie dieses Abenteuer hier in Malaysia so locker mitmacht und zusammen mit ihrer Schwester jeden Tag aufs Neue fremde Welten und neue Zivilisationen kennen lernt – und sei es nur der Termitenhügel auf einer Wanderung oder eine Affenfamilie, die uns auf dem Spielplatz das Essen klaut.
Ganz häufig stoßen beide hier an ihre Grenzen, sie überwinden sie und wachsen daran. Es ist eine Freude, dies zu sehen und sie dabei zu unterstützen. Ich durfte miterleben, wie schnell ein Kind in der Lage ist in einer zweiten Sprache zu sprechen und zu denken. Wie einfach Kinder unterschiedlichster Nationalitäten miteinander spielen, obwohl niemand die gleiche Sprache spricht. Diese Erfahrungen sind unbezahlbar und alleine dafür hat sich in unseren Augen der Umzug hierher gelohnt.

Ja, der Umzug brachte auch etwas zu Tage, was unsere Kinder so nicht kannten: Heimweh.
Dieses kam und kommt immer noch in Schüben. Anfangs war alles neu. Wie Urlaub. Irgendwann stellte sich ein wenig Routine ein, dann der Kindergarten, in dem man kein anderes Kind außer der eigenen Schwester versteht. Das war hart. Vor allem für Alyssa. Es vergeht selbst heute – nach über fünf Monaten – kaum ein Woche, an dem sie nicht von den Erziehern im Kindergarten oder gar ihrer Tagesmutter in Herdecke spricht. Paulina, Karola, Christine, Elfi, Diana, Hilde, Alexandra, Isabel, Tine und Wolfgang – ihr alle habt einen bleibenden Eindruck bei Alyssa hinterlassen. Auch vergeht kaum eine Woche, in der sie mich fragt, wie es denn Amy, Elisa, Lina-Marie, Tim, Mia Sun, Nele, Melina, Felix, Brian und Brandon geht. Sie vermisst ihre Freunde und möchte ihnen gerne so viel mitteilen und auch wissen, was sie so machen. Wie ist es im Kindergarten? Was passiert gerade sonst so in ihren Leben? In welche Schule wird es gehen? Sind sie schon aufgeregt? Haben sie schon einen Wackelzahn? etc. pp.

Liebe Familie, Freunde und Bekannte: Leider ist es uns auch aufgrund der Zeitverschiebung nicht möglich jeden einzelnen anzurufen oder jedem einzelnen zu schreiben, deshalb ja auch der Blog hier. Dennoch: denken wir an euch! Sehr oft sogar. Dieser Blog hier ist nicht nur für euch da, um euch einen Einblick in unser Leben hier am anderen Ende der Welt zu geben. Er dient auch dazu, Alyssa und Anabel eine bleibende Erinnerung an ihre Zeit hier zu geben. Schon jetzt schauen sie sich ganz häufig die Videos an und lassen sich die Beiträge vorlesen. Und immer wieder fragen sie mich, ob es etwas Neues auf Alyssaswelt gibt. Leider gibt es das viel zu selten.

Deshalb hier die Bitte: schreibt uns doch ab und an mal in die Kommentare unserer Artikel, was ihr so macht, wie es euch so geht, was es bei euch Neues gibt. Wir möchten auch an euren Leben teilhaben; das geht aber nur, wenn auch ihr uns dabei ein wenig unterstützt. Möchtet ihr nicht, dass der Kommentar hier erscheint, könnt ihr diesen innerhalb der Nachricht auch als „privat“ kennzeichnen, dann wird er für die Öffentlichkeit nicht freigeschaltet und nur wir können ihn lesen. Oder schickt uns eine E-Mail oder auch eine Postkarte/Brief aus eurem nächsten Urlaub. Die Kinder schauen jeden Tag in den Briefkasten, der ist aber fast immer leer. Unsere Adresse hier lautet: 11-9-2 Persiaran Gurney, 10250 Georgetown, Penang, Malaysia
Ich sage an dieser Stelle schon einmal ein dickes Danke an alle, die das tun!

Aber zurück zu unserer zahnlosen Oma…

 

Nachdem wir ihr mehrere „High-fives“ gegeben haben, sie immer noch grinsend durch die Gegend lief und ihre Zahnlücke ständig ausgiebig im Spiegel betrachtete, musste noch eine „Heimat“ für den alten Zahn her. Ein kleines Schmuckkästchen dient nun als Bett.

 

Auch soll ich der Zahnfee sagen, dass sie den Zahn auf gar keinen Fall mitnehmen soll, denn Alyssa will alle weiteren Zähne ebenfalls aufheben und diese dann irgendwann einmal ihren Kindern zeigen.
Ihren Kindern? Wow, das macht mich dann ja schon zur Oma… Hilfeeeeee….

Aber mal im Ernst: die Zeit vergeht so schnell und aus einem so kleinen hilflosen winzigen Wesen ist innerhalb von sechs Jahren ein eigenständiges, selbstdenkendes Wesen herangewachsen, das mittlerweile in die Schule geht (achja… da war ja noch was… der Artikel bzw. das Video ist noch immer in Bearbeitung) und eine zweite Sprache zumindest so gut spricht, dass sie sich mit neuen Kindern und Erwachsenen endlich verständigen kann.

Ich sage an dieser Stelle: Danke Alyssa, dass du meine Tochter bist und ich dich in den vergangenen Jahren begleiten durfte und ich freue mich auf die nächsten Jahre, die dich zu einer jungen Frau heranwachsen lassen werden.

Comment (1)

  • Detlef

    Ahoi,

    der Appell ans „schlechte Gewissen“ ist angekommen ;-).
    Verfolge regelmäßig Eure News
    Die Absicht, über diesen Weg Beste Grüße in die Fremde zu senden, ist nur leider allzu oft eine Absicht geblieben.
    Aber heute… Urlaub, etwas Ruhe, der Karneval ist „geschafft“…
    Die Entwicklung der Kinder geht wirklich rasend schnell – gestern war ich noch bei der Geburt meines Dominik dabei, heute ist er konfirmiert, hat erfolgreich eine Skifreizeit absolviert.
    Morgen geht´s dann wieder zum ZF.
    In Torsten´s ehem. Firma bleibt es anstrengend, trotz – oder gerade wegen – nach wie vor mauer Auftragslage.
    Viele Grüße aus Essen
    Detlef Rundshagen

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